Über Selbstvertrauen, Sport und weiße Wäsche

Ein Gespräch mit Franz Schmölzer, dem Vater und ehemaligen Trainer von Sarah Schmölzer

Sarah Schmölzer kam mit knapp über 6 Monaten mit schwerem Geburtstrauma zur Welt. Was danach kam, forderte die Eltern bis aufs Äußerste: Gehirnblutungen, Spitalsaufenthalte, unklares Sehvermögen. Sarah konnte nicht liegen, stehen oder sprechen, unzählige Therapien folgten. Die Eltern waren verzweifelt und trafen bald eine wichtige Entscheidung: „Wir begleiten Sarah so, wie wir glauben!“ Sarah bekam die Diagnose Autismus, hatte schwere körperliche Einschränkungen und erarbeitete sich dennoch eine Goldmedaille im Eisschnelllauf. In der Arbeit und Assistenz Graz arbeitet die knapp 30jährige derzeit mit der TEACCH-Methode an ihren lebenspraktischen Fähigkeiten.

Sarah und Franz Schmölzer - eine besondere Vater-Tochter-Beziehung

Als Sarah noch ein Kind war, habt ihr als Eltern die Entscheidung getroffen, Therapien massiv zu reduzieren und euch mehr auf euer Gefühl und Erfahrung zu verlassen:

 

Ja, weil mein Ziel als Vater ist es, Sarah Lebensfreude geben. Dinge, die sie gut macht, zu loben, und andere runterzuschlucken. Sarah ist mit Sicherheit autistisch. Es spielt aber keine Rolle, wie schwer und welche Form genau. Es gibt Dinge, die bei Sarah einfach nicht funktionieren, die werden auch nach tausend Therapien nicht funktionieren.

Ich bin aber der Meinung, dass man mit Einschränkungen gut leben kann, wenn das Heilen schwieriger ist, als die Einschränkung selbst. Und Sarah hat definitiv ein großartiges Leben.

 

Wie war die Kindheit?

 

Erst war sie in einem ganz normalen Kindergarten. Aufgrund von Angst anderer Eltern, dass ihre Kinder auch so werden wie Sarah, mussten wir sie wieder rausnehmen. Der heilpädagogische Kindergarten im Mosaik war dann eine gute Erfahrung. Sie absolvierte dort auch die Pflichtschule. Ihre Lehrerin war eine wichtige Bezugsperson, obwohl sie sich viel gerieben haben. Sie hat sogar wegen Sarah Rollschuhlaufen gelernt.

 

Mit sechs Jahren ging es Sarah körperlich schlecht. Wie habt ihr diese Phase bewältigt?

 

Sie hatte starke Muskelkrämpfe, konnte nicht mehr gehen und ist viel im Buggy gesessen. Es folgten Arztbesuche und eigene Recherchen. Wir entschieden uns bewusst gegen eine Operation.

 

Wie kam Sarah trotzdem zum Sport?

 

Wir gingen in der Innenstadt an einem Eislaufplatz vorbei. Sarah sagte „Ich auch“. Beim nächsten Eislaufplatz im Paradeishof wollte sie aus dem Buggy aussteigen. Wir borgten Schuhe aus und Sarah lief ein paar Schritte! Danach probierten wir es immer wieder. Nach 14 Tagen stand sie kerzengerade auf dem Eis. Nach dem Eislaufen ging sie sogar ein paar Schritte.

 

Wie konntest du das Training mit deinem Beruf vereinbaren?

 

Ich hängte meinen Beruf in der Gastronomie an den Nagel und verkaufte mein Lokal. Früher war ich Profi-Eishockeyspieler. Ich machte die Lehrwart- und Trainerausbildung und die Behindertensporttrainer-Ausbildung, weil ich professionell arbeiten wollte. 2007 in Kapfenberg war Sarah das erste Mal bei einem Wettkampf dabei.

 

Wie ging es mit Sarahs Karriere weiter?

 

2007 nahm sie an den Special Olympics in Shanghai teil und gewann die Bronze-Medaille. Es war ein großer Stress für sie, andere Menschen, fremdes Essen, sie nahm sogar 12 Kilo ab. Im Nachhinein bin ich froh, dass sie teilgenommen hat.

 

Warum?

 

Sarah war nach Shanghai verändert. Man konnte mit ihr etwas unternehmen, zum Beispiel mit Rollschuhen in die Tagesstätte fahren oder richtig trainieren. Wir bekamen Anhaltspunkte, was ihr guttut. Sport wurde ihr Mittelpunkt, sie fand ihr Thema. Sie begann auch damit, mit mir Sport im TV anzuschauen.

 

Was hat sich durch den Sport noch verändert?

 

Durch die Bewegung ist ihre Atmung besser geworden. Sie hat mit ihrer Physiotherapeutin und Logopädin zu sprechen begonnen, auch die Lautstärke lernte sie zu regulieren.

 

Welche Rolle spielte damals der Besuch der Tagesstätte, heute Arbeit und Assistenz Graz?

 

In der Tagesstätte fand sie eine Struktur, die Halt gibt. Sie kommt zu einem bestimmten Zeitpunkt hin, absolviert ein Programm, fährt nach Hause oder zum Training. Sie weiß: Das passiert, das nicht. Struktur erleichtert ihr das Leben.

 

Wie hat sich das auf ihre weiteren Erfolge ausgewirkt? 

 

2009 gewann Sarah in Amerika Bronze und Gold im Eisschnelllauf. Diese Reise war einfacher. Durch die Tagesstätte und die Unterstützung ihrer Betreuerin lernte sie Struktur zu schätzen, aber auch Flexibilität. Sie konnte mit bestimmten Situationen besser umgehen, z.B. auswärts essen gehen. Das wurde in der Tagesstätte geübt. Sie wusste: Sie bekommt Halt von mir als Vater, aber auch von den Betreuerinnen in der Tagesstätte.

 

Auf welche Weise gibst du ihr als Vater Halt?

 

Ich traue Sarah etwas zu, das völlig normale Leben, sozusagen. Ihr das Gefühl zu geben, sie kann etwa schaffen und kann eigene Erfahrungen machen. Dazu gehört, auch einmal Frust zu erleben. Ich habe lernen müssen, das zuzulassen und sie so zu lassen, wie sie ist. Mich nicht dafür zu schämen, wie sie ist. Das erfordert ein bisschen Risikobereitschaft und immer einen Plan B.

 

Wie beschreibst du ihre Entwicklung?

 

Es gab Zeiten, da war ihr alles zu viel, im Sport, in der Tagesstätte. Sie warf dann mit Glas und Porzellan. Ich bemerke aber, was sie im frühen Erwachsenenalter erlebt und gespeichert hat, holt sie jetzt wieder hervor. Sie hat durch den Sport einen großen Erfahrungsschatz, auf den sie zurückgreifen kann. Jetzt kann sie Situationen in einer geschickteren Form lösen. Sie überlegt, wie komme ich zum Ziel und macht einen Plan. Ein Beispiel: Die Waschmaschine ist voll mit schwarzer Wäsche, die gewaschen werden soll. Sie möchte aber ihr weißes T-Shirt gewaschen haben. Früher hätte sie gesagt: ich will, ich will! Jetzt räumt sie die Waschmaschine aus und legt die weiße Wäsche mit ihrem T-Shirt ein.

 

Welche Rolle spielt der Sport jetzt in Saras Leben?

 

2017 war das Ende ihrer aktiven Karriere. Nun hat sie ihr Prioritäten im mentalen Bereich gesetzt. Die Tagesstätte greift das auf: Sie macht Computer-Arbeit, lernt Alltagspraxis wie Umgang mit Wäsche, Geschirr, Glas. Der Sport legt den Grundstein: fokussieren, konzentrieren, dran bleiben.

 

Wie beschreibst du deine Tochter jetzt?

 

Sie hat Selbstbewusstsein entwickelt! Sie kann artikulieren, was sie will und ist bereit, Sachen selbst bestimmen. Das ist manchmal super anstrengend, aber wenn sie selbst bestimmen kann, dann ist sie dort, wo ich wollte. Sie kann sich ohne mich durchsetzen, kommt auch lebenspraktisch zurecht und ist wissbegierig auf Neues. Dazu gehört auch, dass sie mit ihren Entscheidungen lebt, auch mit den Konsequenzen. Natürlich benötigt sie weiterhin Unterstützung, sie kann nicht lesen oder schreiben. Aber sie kommt menschlich gut an und ich muss nicht mehr viel dazu tun.

 

Sarah probiert gerade die Fördermethode TEACCH aus. Was nimmst du davon wahr?

 

Sarah ist mit Herz und Seele dabei. Sie war früher einsilbig, jetzt erzählt sie Sätze, Geschichten und baut Handlungen daraus. Mit Teacch hat sie etwas gefunden, was ihr gehört. Ich will mich nicht viel einmischen. Wenn sie mir etwas erzählen will, höre ich natürlich zu und unterstütze sie positiv, aber die Erfahrungen, die sie macht, gehören ihr!

 

Danke für das Gespräch!

Interview: Saskia Dyk

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